Ordnung im Gefühlswirrwarr, Teil 2: Basisemotionen

Unter den vielen verschiedenen Emotionen gibt es sogenannte „Basisemotionen“, d.h. „Grundgefühle“, die genetisch verankert und bei jedem Menschen primär vorhanden sind. Sie dauern normalerweise kurz an und werden durch spezifische Reize ausgelöst. Ich stelle sie mir ähnlich vor wie Grundfarben (rot, gelb und blau), aus denen alle anderen Farben gemischt werden können. Es existieren unterschiedliche Meinungen darüber, wie viele und welche Basisemotionen es gibt. Einigkeit besteht darüber, dass Freude, Wut, Angst und Traurigkeit dazugehören, manche rechnen auch noch Ekel, Überraschung, Scham und Schuld dazu. Ich beschränke mich hier auf die ersten vier, für die letzten beiden wird es einen eigenen Beitrag geben.

Häufig sagen Patienten zu Beginn einer Therapie, sie wüssten gar nicht, welches Gefühl sie gerade hätten. Dann kann man sich gut an den Basisemotionen orientieren, um zunächst mal eine grobe Einordnung vorzunehmen, in welche „Richtung“ das Gefühl gerade geht:

Basisemotionen Kompass

Das ist sehr hilfreich, denn Emotionen zeigen uns an, ob in einer Situation – zumindest so, wie wir sie wahrnehmen – ein wesentliches Bedürfnis erfüllt (Freude), bedroht (Angst, Wut) oder frustriert (Traurigkeit) wird. Und eine Befriedigung unserer Grundbedürfnisse ist wesentlich für unser Wohlbefinden. Hier eine grobe Übersicht über die Basisemotionen und die zugehörigen Bedürfnisse.

EmotionAuslöserBedürfnisFunktionHandlungsimpuls
AngstGefahr, BedrohungÜberleben, GesundheitEnergie für Flucht, VerteidigungFlüchten, Hilfe suchen, manchmal Erstarren
WutHindernis, GrenzüberschreitungAutonomie, SelbstwertEnergie für Kampf, Verteidigungangreifen, seine Grenzen verteidigen
TraurigkeitVerlust eines wichtigen Objektes, Aufgabe einer IdeeBindung, BeziehungBindung lösen, Abschied nehmen, Zuwendung erhaltenWeinen, sich zurückziehen, oder Trost und Nähe suchen
FreudeBedürfnis erfüllt, Ziel erreicht, positives EreignisLustsuche, SelbstwertMotivationFreude zeigen, teilen

Ordnung im Gefühlswirrwarr, Teil 1: Was sind Emotionen?

Ich bin seit der ersten Folge treuer Hörer des Psychcast, ein Podcast rund um Psychotherapie, Psychosomatik und Psychiatrie. Alex und Jan, die beiden Podcaster, Fachärzte für Psychiatrie bzw. Psychosomatik und Psychotherapie, unterhalten sich – manchmal auch mit Gästen – locker und vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen und Meinungen über diverse Themen. Die Direktheit und Spontanität, mit der sie das tun (und manchmal während der Sendung schnell noch Dinge bei google nachschlagen…), machen einerseits den Reiz aus, provozieren aber auch regelmäßig meinen perfektionistischen Anteil, dem die Systematik, Struktur und Vollständigkeit fehlt. Daher werde ich gelegentlich einen ihrer Podcasts als Anlass nehmen, hier zu einem Thema was zu schreiben. In diesem Fall ist es Folge 49 „Die Gefühlssendung“, zu der ich gerne etwas beitragen möchte. Aufgrund der Breite des Themas wird es wohl eine kleine Serie werden.

Was sind überhaupt Emotionen?

Emotionen sind automatisch und unwillkürlich ablaufende Prozesse, die psychische und körperliche Komponenten beinhalten. Die psychische Komponente beinhaltet eine kognitive Bewertung (Gedanken) und einen motivationalen Anteil (Handlungsimpuls). Die körperliche Komponente besteht aus einem expressiven Anteil (nonverbaler Ausdruck wie Mimik und Gestik), einem physiologischen (körperliche Reaktionen wie schnellerer Herzschlag, Muskelanspannung, Hitze, …) sowie gegebenenfalls einem typischen Verhalten.

Emotionen sind etwas evolutionär sehr altes. Sie stellen eine schnelle und intuitive Bewertung einer Situation dar, was offensichtlich beim Überleben hilft. Wären Emotionen von Nachteil, wären sie im Laufe der Evolution sicherlich rausgeflogen. Sind sie aber nicht, und dementsprechend findet man Emotionen in verschiedener Komplexität auch bei Tieren, v.a. Säugetieren. Im Gehirn sind vor allem phylogenetisch ältere Teile für die Emotionsverarbeitung zuständig, insbesondere das limbische System. Die dort ablaufenden Programme sind daher grundsätzlich bei allen Menschen zunächst gleich, wie ich im nächsten Beitrag zu Basisemotionen erläutern werde. Allerdings wird das Erleben und der Ausdruck von Emotionen stark kulturell und durch die frühen Bezugspersonen geprägt. Ein wesentlicher Entwicklungsprozess in der Kindheit liegt darin, dass wir den Ausdruck und das Verhalten von Emotionen zunehmend kontrollieren und vom Außen quasi auf eine „Innere Bühne“ verlagern können. Diese Fähigkeit der Emotionsregulation ist sehr zentral für unser Wohlbefinden, und Einschränkungen dieser Fähigkeit scheinen bei einigen psychischen Erkrankungen eine wesentliche Rolle zu spielen (insbesondere bei der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ und bei Somatisierungsstörungen).

Zusammengefasst: Emotionen sind nützliche Instrumente, die uns im Alltag helfen können, wenn wir mit ihnen umzugehen wissen.

Psychotherapie: morgens oder abends einnehmen?

Das Leben ist gekennzeichnet durch Rhythmen und Zyklen – Jahreszeiten, Mondphasenzyklus, Tag-Nacht-Rhtyhmus. Der Mensch hat sich an diese äußeren Zeitgeber angepasst, aber auch zahlreiche eigene Rhythmen. Es gibt lange Perioden (z-B. bei Frauen: Menarche – Menstruationszyklus – Menopause), Tagesrhythmen (z.B. Cortisol- oder Melatoninspiegel), kurze Rhythmen wie Atmung und Herzschlag und noch kürzere wie z.B. die mittles EEG messbare elektrische Hirnaktivität. Interessant ist, dass „gesunde“ Rhythmen zwar eine typische Form aufweisen, aber immer auch eine Variabilität haben. So schlägt z.B. das Herz zwar regelmäßig, in einem gesunden Organismus ist die Herzfrequenz jedoch andauernden Schwankungen unterworfen (sogenannte Herzratenvariabilität). Diese sind Ausdruck der Anpassungsfähigkeit an Belastung und Entspannung. Unter chronischer Stressbelastung nimmt diese Herzratenvariabilität ab, ein messbarer Ausdruck dessen, dass sowohl die Belastbarkeit als auch die Entspannungsfähigkeit des Organismus reduziert ist.

Auch psychisch zeigt sich diese verminderte Variabilität als reduzierte „Schwingungsfähigkeit“. Diese bezeichnet die emotionale Modulationsfähigkeit, die sich normalerweise an die aktuelle Situation anpasst und sich in Mimik, Gestik, Stimme und Psychomotorik zeigt. Bei einer Depression ist diese Schwingungsfähigkeit, ähnlich wie die Herzratenvariabilität, reduziert, bis hin zu einer Affektstarre, d.h. der Betroffene reagiert überhaupt nicht mehr auf die äußere Umgebung und bleibt in der immer gleichen Stimmung.

Bei vielen Medikamenten werden die bekannten (Tages-)Rhythmen berücksichtigt und der Einnahmezeitpunkt entsprechend angepasst, damit das Medikament besser wirkt oder weniger Nebenwirkungen hat. Es ist z.B. bekannt, dass Chemotherapeutika je nach Einnahmezeit stärker oder schwächer wirken, weil auch die Zellteilung und das Immunsystem eine circadiane Rhythmik haben. Cortison-Präparate sollen üblicherweise morgens eingenommen werden, weil hier physiologischerweise die höchsten Spiegel sind und die Nebenwirkungen geringer. Auch Antidepressiva werden je nach Wirkstoffgruppe morgens oder abends eingenommen.

Interessanterweise ist mir aber keine Studie bekannt, die untersucht hat, ob auch die Wirksamkeit von Psychotherapie sich je nach Tageszeit unterscheidet. Dabei gibt es auch bei psychischen Krankheiten ganz typische Rhythmen, so z.B. das klassische „Morgentief“ bei einer Depression: Bei den meisten depressiven Menschen ist die Stimmung in den frühen Morgenstunden besonders schlecht und bessert sich im Verlauf des Tages. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Psychotherapiestunden sehr unterschiedlich verlaufen können, je nachdem, ob sie am frühen Vormittag oder späten Nachmittag stattfinden. Das mag an äußeren Faktoren liegen (in der ambulanten Therapie, ob jemand vor oder nach der Arbeit zur Therapie geht), ich vermute aber, dass hier ebenfalls physiologische Rhythmen eine Rolle spielen. Falls jemand eine Untersuchung dazu kennt, freue ich mich über Hinweise!

Einen schönen Überblick über die „Zeitphänomene“ bietet übrigens das Jahrbuch der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie e.V. von 2005:

„Zeitwahrnehmung und Zeitperspektiven in der Psychoonkologie“

Körperpsychotherapie

Die Einbeziehung des Körpers in die Psychotherapie geschieht bisher weitgehend außerhalb der „etablierten“ Therapien. Obwohl bereits in den Anfängen der Psychotherapie viel in dieser Richtung experimentiert wurde (siehe z.B. Wilhelm Reichs Vegetotherapie), wurde die Arbeit mit dem Körper nie fester Bestandteil von Psychotherapie. Allerdings gab es immer schon Richtungen, die diese Tradition weiterverfolgt haben,wie z.B. die Konzentratvie Bewegungstherapie. Auch in der Verhaltenstherapie gibt es zahlreiche Ansätze, den Körper bzw. somatische Marker einzubeziehen, sei es im emotionsfokussierten Arbeiten (z.B. Microtracking in der Pesso-Therapie), mit Stuhl-Übungen, Verräumlichung von Problemen oder Verankerung körperlicher Empfindungen.

Das Buch Körperpsychotherapie: Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis von Ulfried Geuter fasst die Geschichte und Konzepte der Körperpsychotherapie umfassend und fundiert zusammen und ist für mich mit Erscheinen das Standardbuch zum Thema geworden. Der Überblick des Autors ist überwältigend, viele Themen werden so grundlegend dargestellt, wie ich sie in anderen Lehrbüchern nie gefunden habe. Es ist ein Buch, wie ich es mir immer schon gewünscht habe. Ich fiebere bereits dem zweiten Band entgegen, in dem die Praxis der Körperpsychotherapie dargestellt werden soll. Für jeden, der sich dafür interessiert, wie körperorientiertes Arbeiten in der Psychotherapie aussehen kann und auf welcher Grundlage dies geschieht, kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen.