Ethik in der Psychotherapie

Letzte Woche habe ich eine interessante Fortbildung zum Thema „Ethik in der Psychotherapie besucht“, Referent war Dr. Jürgen Thorwart. Dieser beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Thematik, unter anderem der Schweigepflicht, und hat auch den Verein „Ethik in der Psychotherapie“ mitbegründet. Dieser berät kostenlos Patienten, aber auch Therapeuten, zu ethischen Themen im Rahmen einer Psychotherapie. Meistens geht es um Grenzverletzungen der verschiedenen Art. Gut gefallen hat mir eine Übersicht zur Systematik unerwünschter Ereignisse in der Psychotherapie, die ich hier nach meinen Notizen wiedergebe:

  1. Behandlungsfehler: objektiver Verstoß gegen übliche Standards, z.B. Aufnahme einer sexuellen oder geschäftlichen Beziehung zu einem Patienten/einer Patientin
  2. Irrtum, Illusion, Täuschung, Fehlleistung: Unvermeidbar im Rahmen einer Therapie, die sich immer im Spannungsfeld Gelingen-Scheitern befindet und wo sich gerade aus (vermeintlichem) Scheitern oft fruchtbare Felder ergeben. Beispiel: Verwechslung biographischer Fakten, Einschlafen während einer Therapie
  3. Nebenwirkungen: Der Bereich „Nebenwirkungen von Psychotherapie“ rückt seit einigen Jahren in den Fokus (siehe z.B. den schon älteren Übersichtsartikel „Unerwünschte Effekte, Nebenwirkungen und Behandlungsfehler in der Psychotherapie„. Erforderlich hier ist vor allem ein Bewusstsein dafür sowie eine Aufklärung des Patienten. Hierfür gibt es inzwischen standardisierte Formulare, z.B. von unserer Fachgesellschaft DGPM.  Interessant fand ich, dass der Referent diese Aufklärungsbögen nicht nutzt und wohl auch nicht nach einem festen Schema aufklärt. Hier ergab sich für mich eine Diskrepanz, die ich auf die unter Analytikern nach wie vor bestehende Tendenz zur Intransparenz zurückführe.

Der Referent plädierte für eine professionelle Fehler- und Irrtumskultur bereits in der Ausbildung zum Therapeuten. Die vielen Praxisbeispiele aus seiner Tätigkeit für den Ethikverein zeigten erschütternd, wie viele Therapeuten sich doch immer wieder unprofessionell verhalten und Standards des Berufsstandes verletzen. Mein subjektiver Eindruck war, dass gerade die Analytiker, die ja besonders viel Wert auf Grenzen legen (z.B. strikte Einhaltung der 50 Minuten pro Einzel), gleichzeitig diejenigen Therapeuten sind, die in der Praxis die schwerwiegendsten Grenzverletzungen begehen. Eine mögliche Erklärung für mich wäre, dass bei einer Therapie weit über 100 Stunden hinaus sich eine Beziehung ergeben kann, die zunehmend persönliche Züge annimmt und Grenzen verwischen lässt. Möglicherweise trägt auch die besondere Haltung der Analytiker gegenüber Ihren Patienten und die Intransparenz des (klassischen) Verfahrens dazu bei. Oder es stimmt gar nicht und kommt mir (als verhaltenstherapeutisch ausgebildetem Arzt) nur so vor…