Kulturbezogene Erkrankungen

Ein Kollege hielt kürzlich eine interne Fortbildung in unserer Klinik über kulturbezogene Erkrankungen. Ich fand dies sehr spannend, weil es mir bisher wenig präsent war und dem allgegenwärtigen bio-psycho-sozialen Modell einen weiteren wichtigen Aspekt hinzufügt, nämlich den kulturellen. Dass sich psychische Erkrankungen oder Syndrome je nach Zeit und Umständen ändern und es Erkrankungswellen gibt (z.B. Hysterie, Neurasthenie, Kriegszitterer/Schüttelneurotiker etc., Burn-out, ADHS), war mir bewusst. Ebenfalls bekannt war mir, dass Essstörungen (Anorexie, Bulimie) nur in Gesellschaften vorkommen, in denen das Nahrungsangebot im Überfluss vorhanden ist. Aber über psychische Syndrome in anderen Kulturkreisen wusste ich bisher kaum etwas. Hier zunächst die Kriterien, wann ein Syndrom als kulturspezifisch gilt:

  1. innerhalb der Kultur ist das Syndrom gut bekannt
  2. es wird dort als eigenständige Krankheit anerkannt
  3. in anderen Kulturen kennt man das Syndrom nicht
  4. es sind keine biochemischen oder organischen Ursachen bekannt
  5. Diagnose und Therapie erfolgen meist durch Vertreter und nach Methoden der lokalen Volksmedizin

Eines schönes Beispiele finde ich Taijin Kyōfushō, eine soziale Angst in Japan. Im Gegensatz zur sozialen Phobie steht dabei nicht die Angst im Vordergrund, selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und sich peinlich oder beschämend zu verhalten, sondern die Furcht, andere zu beleidigen oder zu verletzen, z.B. durch Augenkontakt, unangenehmen (eigenen) Körpergeruch, Erröten oder einen hässlichen Körper. Dies zeigt sehr schön den kulturellen Unterschied, ob mehr das Individuum oder die Gemeinschaft im Vordergrund steht. In meinem wiki habe ich mal eine eigene Seite dafür angelegt, mit dem entsprechenden Wikipedia-Artikel zu kulturgebundenen Syndromen als Ausgangspunkt und einigen Ergänzungen. Wenn jemand weitere kulturgebundene Erkrankungen kennt, freue ich mich über Kommentare.